Selbstständig mit ADHS: Chancen, Herausforderungen und konkrete Tipps
- heidedudda
- 21. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Die eigene Chefin sein, die eigene Zeit einteilen, sich auf das Wesentliche konzentrieren – für viele Menschen mit ADHS klingt das nach Freiheit. Und es ist wahr: Selbstständigkeit bietet ADHS-Gehirnen besondere Chancen. Doch sie birgt auch konkrete Fallstricke. Dieser Artikel zeigt beide Seiten – und liefert konkrete Strategien, damit du nicht in die häufigen Falle tappst.
Warum Selbstständigkeit für Menschen mit ADHS attraktiv ist
Das ADHS-Gehirn liebt Variation, Hyperfokus auf spannende Aufgaben und klare Sinnhaftigkeit. In der traditionellen Angestelltschaft stößt man regelmäßig an Grenzen: die langweilige Besprechung, die repetitive Aufgabe, die Kontrolle durch andere. In der Selbstständigkeit kannst du diese Aufgaben oft komplett auslassen oder delegieren.
Zusätzlich: Unter Druck, in der Deadline-Phase oder bei großer Begeisterung für ein Projekt kann ein ADHS-Gehirn sagenhaft produktiv sein. Diese Superkraft kann in der Selbstständigkeit optimal genutzt werden – wenn man sich clever organisiert.
Die Chancen: Hier glänzt ADHS in der Selbstständigkeit
Hyperfokus als Produktivitäts-Turbo: Wenn ein Projekt dich begeistert, arbeitest du intensiver und kreativer als viele andere. Nutze diese Phasen strategisch.
Kreativität: ADHS-Menschen denken außergewöhnlich. Neue Geschäftsmodelle, unkonventionelle Lösungen, schnelle Ideengenerierung – das ist deine Superkraft.
Schnelle Auffassungsgabe & Flexibilität: Du erkennst schnell, wenn etwas nicht funktioniert und kannst dich blitzschnell neu orientieren.
Authentizität: Viele ADHS-Selbstständige arbeiten sehr authentisch und persönlich. Das schafft starke Kundenbeziehungen.
Sinnhaftigkeit: Du arbeitest für dein „Warum", nicht für eine abstrakte Firma. Das ist energetisierend.
Die Herausforderungen: Hier stolpern viele
Zeitmanagement und Prokrastination: Das klassische ADHS-Problem. Eine Steuererklärung abgeben? Eine Rechnung schreiben? Morgen... oder nächste Woche. Irgendwann wird es kritisch.
Struktur und Routinen: Ohne externe Struktur (z.B. Vorgesetzten, feste Bürozeiten) musst du diese komplett selbst schaffen. Das ist schwer.
Finanzen im Griff: Rechnungen, Buchhaltung, Steuern – notwendig, aber oft nicht spannend. Viele ADHS-Selbstständige schieben das auf und geraten später in Probleme.
Burnout durch Überlastung: In Hyperfokus-Phasen arbeitet man oft bis zum Umfallen. Grenzen setzen ist wichtig, aber schwer.
Rejection Sensitive Dysphoria (RSD): Kritik von Kunden oder finanzielle Rückschläge fühlen sich existenziell an. Das kann lähmend wirken.
Unregelmäßige Einkommen: Das ADHS-Gehirn liebt Planbarkeit. Unvorhersehbare Einnahmen können extrem stressig sein.
Konkrete Tipps & Tricks für erfolgreiche ADHS-Selbstständigkeit
1. Arbeitsorganisation: Mach dir selbst zur Struktur
Timeboxing: Arbeite in festen Zeitblöcken (z.B. Mo–Mi Marketing, Do–Fr Kundenprojekte). Dadurch entsteht externe Struktur.
Feste Startzeiten: Auch wenn du flexibel bist, hilf dir durch eine feste Startzeit (z.B. immer 8 Uhr am Schreibtisch) in den Flow.
Sichtbare Tasks: Nutze Kanban-Boards, große Checklisten – was du sehen kannst, vergisst du weniger leicht.
Bodydoubling: Arbeite regelmäßig mit anderen zusammen oder in Co-Working Spaces. Soziale Präsenz hilft oft, fokussiert zu bleiben.
Kleine Belohnungen: Belohne dich nach abgeschlossenen Tasks (nicht spannenden!). Das Brain braucht oft mehr Dopamin.
2. Finanzen & Buchhaltung: Delegieren ist keine Schwäche
Delegation: Das erste Investment sollte ein Buchhaltungstool oder ein Steuerberater sein. Ja, das kostet – spart dir aber mental enormen Stress und Fehler.
Automatisierung: Rechnungsvorlage mit Makro, automatisierte Zahlungserinnerungen – kleine Automation hilft.
Monatliche Routinen: Einmal im Monat (z.B. jeden 1. Freitag) alle Finanzen anschauen – fixe Routine, nicht optional.
3. Selbstfürsorge und Grenzen
Arbeitszeiten begrenzen: Lege fest: Nach 17 Uhr ist vorbei. Das ist wichtig.
Pausen sind Produktivität: 5-Minuten-Pausen zwischen Tasks, echte Mittagspausen – nicht optional.
Reize managen: Laute Räume, ständige Benachrichtigungen, zu viele Projekte gleichzeitig → Burnout. Halte dein Umfeld ruhig.
Mentale Unterstützung: Therapie oder Coaching spezialisiert auf ADHS und Selbstständigkeit ist wert, dass du sie dir leisten.
4. Externe Unterstützung: Wann es sinnvoll ist
Virtuelle Assistentin (VA): Für Verwaltung, E-Mail-Management, Buchhaltung. Super wichtig.
Steuerberater: Nicht optional, wirklich.
ADHS-Coaching: Hilft, deine Struktur persönlich abgestimmt zu gestalten.
Peer-Gruppen: Austausch mit anderen ADHS-Selbstständigen – emotional wertvoll.
Mini-Case: Die Naturpädagogin mit Coaching-Business
Lea (Name geändert) ist Naturpädagogin und Coach mit ADHS. Sie liebt ihre Arbeit mit Klienten – absoluter Hyperfokus, wenn es losgeht. Aber: Sie vergaß regelmäßig Rechnungen zu schreiben, die Steuererklärung war ein Albtraum, ihre Website war 2 Jahre „in Planung".
Ihre Lösung:
Eine Buchhalterin für die Finanzen (monatlich 100 €).
Ein Kanban-Board an ihrer Wand mit den 3 Top-Prioritäten pro Woche.
Bodydoubling einmal die Woche mit einer Freundin (beide arbeiten zusammen im Café).
Eine VA, die ihre Website technisch managt.
Das Ergebnis: Innerhalb von 6 Monaten verdoppelte sich ihre Kundenanzahl, weil sie sich endlich auf ihre Stärke (Coaching) konzentrieren konnte statt sich mit Verwaltung zu quälen.
Fazit: Selbstständigkeit mit ADHS ist möglich – mit cleverer Struktur
Selbstständigkeit mit ADHS ist nicht unmöglich – sie braucht nur mehr Struktur und externe Unterstützung, als manche denken. Die Chancen sind real: deine Kreativität, dein Hyperfokus, deine Authentizität sind echte Wettbewerbsvorteile.
Der Trick ist, die langweiligen, wiederholenden Aufgaben nicht zu ignorieren, sondern sie zu delegieren oder zu automatisieren. Das ist nicht Feigheit – das ist intelligentes Unternehmertum.



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