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Mit ADHS den richtigen Beruf finden

Mit Neurodivergenz (ADHS) den richtigen Beruf finden

Der Arbeitsmarkt ist voll von „idealen" Anforderungsprofilen: Pünktlichkeit, lineare Prozessabläufe, ruhige Konzentration über Stunden, Multitasking, perfekte Dokumentation. Für Menschen mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) sind genau diese Anforderungen oft die größten Stolpersteine – nicht, weil sie weniger leisten können, sondern weil ihre Gehirne anders verdrahtet sind. Die gute Nachricht: Es gibt zahlreiche Berufe und Arbeitsumfelder, in denen die Stärken von ADHS-Gehirnen florieren. Der Schlüssel ist, diese zu finden.


ADHS im Berufsleben: Stärken und Herausforderungen

Menschen mit ADHS bringen oft außergewöhnliche Fähigkeiten mit: intensive Konzentrationsfähigkeit auf Themen, die sie begeistern (Hyperfokus), kreatives Denken, schnelle Auffassungsgabe, hohe Empathie und emotionale Intelligenz, Resilienz, sowie die Fähigkeit, unter Druck kreativ zu werden. Diese Eigenschaften sind Gold wert – in den richtigen Kontexten.

Die Herausforderungen hingegen sind ebenfalls real: Schwierigkeiten mit Zeitmanagement, Prokrastination, Impulskontrolle, Reizüberflutung in lauten oder chaotischen Umgebungen, Schwierigkeit mit repetitiven Aufgaben und weniger interessanten Tätigkeiten sowie emotionale Überempfindlichkeit (RSD – Rejection Sensitive Dysphoria).

Der Schlüssel ist nicht, diese Herausforderungen zu „reparieren", sondern einen Beruf und ein Arbeitsumfeld zu wählen, das mit ihnen umgehen kann – besser noch: das sie nutzt.


Das richtige Arbeitsumfeld: Rahmenbedingungen, die zählen

Bevor du Berufe betrachtest, überlege dir: Was brauchst du von deinem Arbeitsumfeld?

Struktur vs. Flexibilität: Manche Menschen mit ADHS blühen unter klaren Strukturen und Routinen auf; andere ersticken darin. Was passt zu dir? Brauchst du feste Anfangszeiten oder funktionierst du besser mit selbstgestalteten Zeitfenstern?

Reizniveau: Arbeiten in einer lauten Großraumbüro? Oder lieber im ruhigen Homeoffice? Im Team mit ständiger Interaktion? Oder eher solo?

Aufgabenwechsel: Liebst du Vielfalt und regelmäßige Veränderung, oder brauchst du tiefe Spezialisierung?

Führungskultur: Ist dir eine enge Kontrolle durch Vorgesetzte lähmend, oder hilft sie dir?

Sinnhaftigkeit: Wie wichtig ist dir der Sinn deiner Arbeit? (Viele Menschen mit ADHS sind hochmotiviert, wenn es um sinnvolle Aufgaben geht.)


Berufe im Angestelltenverhältnis, die oft gut passen

Kreative Berufe (Grafikdesign, Copywriting, Werbung, UX-Design)

Warum: Hyperfokus, Kreativität und schnelle Ideenfindung sind hier zentral. Oft gibt es Raum für Flexibilität und Projekt-Wechsel.

Soziale Berufe (Therapie, Coaching, Sozialarbeit, Krankenpflege)

Warum: Empathie, schnelle Reaktionsfähigkeit und emotionale Intelligenz sind zentral. Oft weniger Papierarbeit, mehr persönliche Interaktion.

Sales und Kundenkontakt (Vertrieb, Events, Community Management)

Warum: Abwechslung, unmittelbares Feedback, Dynamik und persönliche Beziehungen sind motivierend.

Projektmanagement und Event-Koordination

Warum: Vielfalt, Deadline-Druck (kann extrem motivierend wirken), Team-Dynamik.

Handwerk und technische Berufe

Warum: Praktische, sichtbare Ergebnisse; oft weniger Büroarbeit; Bewegung und Abwechslung.

IT und Softwareentwicklung

Warum: Hyperfokus auf komplexe Probleme ist optimal; oft flexible Arbeitszeiten und Homeoffice möglich.


Selbstständigkeit mit ADHS: Chancen und Fallstricke

Viele Menschen mit ADHS finden in der Selbstständigkeit ihre „natürliche" Umgebung. Der Gestaltungsspielraum, der Fokus auf die eigenen Interessen und die Möglichkeit, sich von Aufgaben zu befreien, die nicht funktionieren, sind verlockend.

Berufsfelder, die oft gut passen:

Coaching und Beratung: Tiefe persönliche Verbindung, Hyperfokus auf den Klienten, Sinnhaftigkeit.

Kreative Dienstleistungen (Design, Content, Texter): Projektorientiert, Varietät, direkte Ergebnisse.

Online-Business und digitale Produkte: Oft flexibel, Arbeit nach eigenem Rhythmus möglich.

Handwerk und Handelsgewerbe: Praktische Tätigkeiten, sichtbare Ergebnisse, oft gute Verdienstmöglichkeiten.

Chancen: Gestaltungsspielraum, keine bösen Vorgesetzten, Sinnhaftigkeit nach eigenem Verständnis, Zeitflexibilität, Hyperfokus ist ein Vorteil (intensiver arbeiten, wenn es spannend ist).

Herausforderungen: Prokrastination bei Verwaltungsaufgaben (Buchhaltung, Steuererklärung), Schwierigkeit, sich selbst zu strukturieren, Probleme mit regelmäßigen Ausgaben und unregelmäßigen Einnahmen, Burnout-Risiko durch Überarbeitung während Hyperfokus-Phasen.


Reflexionsfragen: Finde deine Passung

  1. Stärken: In welcher beruflichen Situation warst du schon mal im „Flow"? Was war daran besonders?

  2. Umfeld: Wie sieht dein idealer Arbeitstag aus – allein oder im Team, laut oder ruhig, strukturiert oder flexibel?

  3. Sinnhaftigkeit: Wofür möchtest du deine Energie einsetzen? (Viele Menschen mit ADHS brauchen ein klares „Warum".)

  4. Realität: Welche Tätigkeiten hassen dich zutiefst? (Diese sollten nicht zentral in deinem Beruf sein.)

  5. Angestelltschaft vs. Selbstständigkeit: Was spricht mehr für dich – externe Struktur oder Gestaltungsfreiheit?


Tipps für den Weg nach vorne

  • Nutze Coaching oder Career Counseling spezialisiert auf Neurodivergenz: Ein klarer Blick von außen hilft enorm.

  • Probiere aus, bevor du dich entscheidest: Praktika, Hospitationen, Freiwilligenarbeit im potenziellen Beruf.

  • Such dir andere ADHS-Menschen im Beruf: Ihr könnt von Erfahrungen lernen und euch gegenseitig unterstützen.

  • Vergiss die Schuldgefühle: Du schuldest niemandem eine „normale" Karriere. Finde deine passgenaue Lösung.


Dein ADHS ist nicht ein Fehler, den du korrigieren musst – es ist eine andere Art, die Welt zu sehen und zu arbeiten. Die richtige berufliche Umgebung zu finden bedeutet, diese Besonderheit nicht zu negieren, sondern sie zentral zu nutzen.

 
 
 

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