Getrennte Geschichten – sichere Bindung
- heidedudda
- 6. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Warum du deinem Kind nicht schadest, wenn du menschlich bist
Es gibt Sätze, die viele Mütter innerlich kaum auszusprechen wagen.
Nicht, weil sie falsch wären – sondern weil sie Angst machen.
Zwei dieser Sätze lauten:
„Ich darf meine Geschichte von der meines Kindes trennen.“
„Ich schade meinem Kind nicht, wenn ich menschlich bin.“
Wenn du beim Lesen dieser Sätze Unruhe, Zweifel oder Schuld spürst, ist das kein Zeichen dafür, dass sie nicht stimmen. Es ist ein Zeichen dafür, dass sie einen wunden Punkt berühren. Genau hier liegt für viele Mütter ein zentraler innerer Konflikt – besonders für Frauen, die selbst Ausgrenzung, Überforderung oder emotionale Verletzungen erlebt haben.
Die Angst, deinem Kind zu schaden
Viele Mütter tragen eine tiefe Sorge in sich:
„Wenn ich einen Fehler mache, schade ich meinem Kind.“
Oder noch grundsätzlicher:
„Wenn ich nicht aufpasse, wiederholt sich meine eigene Geschichte.“
Diese Angst entsteht nicht aus Schwäche, sondern aus Bindungsfähigkeit. Sie zeigt, dass du Verantwortung übernimmst und reflektierst. Gerade neurodivergente Mütter – hochsensible, hochbegabte oder sehr wahrnehmungsstarke Frauen – haben oft früh gelernt, sich selbst zu hinterfragen. Viele haben erlebt, wie es ist, „zu viel“, „zu anders“ oder „nicht richtig“ zu sein.
Der Wunsch, es für das eigene Kind besser zu machen, ist deshalb kein Kontrollbedürfnis. Er ist ein Ausdruck von Liebe.
Und gleichzeitig kann genau dieser Wunsch zu enormem innerem Druck führen.
Wenn deine Geschichte sich über dein Kind legt
Im psychologischen Kontext spricht man von Projektion, wenn eigene, meist unverarbeitete Erfahrungen unbewusst auf andere übertragen werden. Im Familienalltag zeigt sich das oft sehr subtil:
Dein Kind ist wütend – und in dir entsteht plötzlich Panik.
Dein Kind zieht sich zurück – und du spürst alte Einsamkeit.
Dein Kind widerspricht – und dein Körper reagiert, als wäre es gefährlich.
In diesen Momenten reagierst du nicht nur auf dein Kind im Hier und Jetzt. Dein Nervensystem reagiert auf etwas Altes. Auf deine eigene Geschichte.
Das ist menschlich. Und es ist erklärbar.
Problematisch wird es erst, wenn zwei Ebenen miteinander verschmelzen:
deine Vergangenheit
und die Gegenwart deines Kindes
Dann entsteht Schuld. Nicht, weil du objektiv etwas falsch machst – sondern weil innere Grenzen verschwimmen.
„Ich darf meine Geschichte von der meines Kindes trennen“
Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick vielleicht kühl oder distanziert. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Deine Geschichte von der deines Kindes zu trennen bedeutet nicht, weniger empathisch zu sein. Es bedeutet, klar zu bleiben. Klar darüber, was zu dir gehört – und was zu deinem Kind.
Dein Kind darf traurig sein, ohne deine frühere Einsamkeit tragen zu müssen.
Dein Kind darf wütend sein, ohne dass alte Ohnmacht aktiviert wird.
Dein Kind darf anders reagieren, als du es früher durftest.
Erst wenn diese innere Trennung gelingt, wird echte Beziehung möglich. Denn Beziehung braucht zwei eigenständige Menschen – keine verschmolzenen Geschichten.
Menschlich sein ist kein Schaden
Der zweite Satz löst bei vielen Müttern noch mehr Widerstand aus:
„Ich schade meinem Kind nicht, wenn ich menschlich bin.“
Vielleicht hast auch du ein inneres Bild davon, wie eine „gute Mutter“ sein sollte: ruhig, präsent, reflektiert, reguliert – möglichst immer. Gerade im bindungs- und bedürfnisorientierten Kontext entsteht schnell ein Ideal, das im echten Alltag kaum haltbar ist.
Doch Kinder brauchen keine perfekten Eltern.
Sie brauchen reale Eltern.
Kinder lernen emotionale Sicherheit nicht dadurch, dass ihre Eltern nie überfordert sind, sondern dadurch, dass Beziehung repariert wird. Dass Fehler eingeordnet, benannt und gehalten werden können.
Bindung entsteht nicht durch Fehlerfreiheit, sondern durch Wiederherstellung von Kontakt.
Neurodivergenz, Nervensystem und Selbstabwertung
Viele neurodivergente Mütter wissen sehr genau, wie sie reagieren möchten. Und erleben gleichzeitig, dass ihr Nervensystem manchmal schneller ist als ihr Verstand. Reizüberflutung, Erschöpfung oder emotionale Intensität lassen sich nicht immer willentlich steuern.
Das ist kein persönliches Versagen.
Das ist Neurobiologie.
Ein aktiviertes Nervensystem braucht Sicherheit – keine zusätzliche Selbstkritik. Der Satz „Ich schade meinem Kind nicht, wenn ich menschlich bin“ wirkt deshalb regulierend. Er entkoppelt Würde von Perfektion.
Du darfst Verantwortung übernehmen, ohne dich innerlich zu zerstören.
Was dein Kind wirklich braucht
Dein Kind braucht dich nicht perfekt.
Es braucht dich authentisch.
Kinder profitieren davon, wenn Eltern:
ihre eigenen Themen kennen
Verantwortung übernehmen, ohne sich schuldig zu machen
und Beziehung auch nach schwierigen Momenten wieder herstellen
Wenn du deine Geschichte von der deines Kindes trennst, schützt du dein Kind.
Wenn du dir erlaubst, menschlich zu sein, modellierst du emotionale Reife.
Das ist keine Gefahr für dein Kind.
Das ist eine Ressource.
Eine Einladung statt einer Anleitung
Dieser Text ist keine Erziehungsanleitung.
Er ist eine Einladung zur inneren Klärung.
Vielleicht magst du dir in herausfordernden Momenten zwei Fragen stellen:
Reagiere ich gerade auf mein Kind – oder auf meine Geschichte?
Darf ich hier menschlich sein, ohne mich selbst zu verurteilen?
Allein diese Fragen können dein inneres Erleben verändern. Nicht sofort. Aber nachhaltig.
Denn getrennte Geschichten ermöglichen verbundene Beziehung.
Und genau dort beginnt Entwicklung – für dich und für dein Kind.



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