ADHS - eine neue Trendkrankheit?
- heidedudda
- 23. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit
1.0 Einleitung: Eine Neubewertung von ADHS im Kontext der Moderne
Das traditionelle Verständnis der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als reine Verhaltens- oder Konzentrationsschwäche ist unzureichend, um die Komplexität der gelebten Erfahrung zu erfassen. Eine moderne, soziologische Betrachtung muss die tiefgreifende Interaktion zwischen der neurobiologischen Veranlagung von Individuen und den allgegenwärtigen Anforderungen des 21. Jahrhunderts berücksichtigen. Die zunehmende Sichtbarkeit von ADHS, insbesondere bei Frauen, ist weniger ein Zeichen einer neuen „Trendkrankheit“ als vielmehr das Ergebnis eines wachsenden Bewusstseins für eine seit langem bestehende, aber oft pathologisierte neurologische Realität.
Experten wie Dr. Asad Raffi und Dr. Ned Hallowell betonen, dass ADHS kein Aufmerksamkeitsdefizit ist, sondern eine Aufmerksamkeitsdysregulation. Betroffene haben keine geringere, sondern eine Fülle an Aufmerksamkeit; die Herausforderung liegt darin, diese zu steuern. Dies führt zur zentralen Fragestellung dieser Abhandlung: Schafft der moderne, reizüberflutete und leistungsorientierte Lebensstil ein Umfeld, das die Symptome von ADHS verstärkt und sichtbarer macht, oder ist die aktuelle Entwicklung davon unabhängig?
Dieser Bericht wird diese Frage untersuchen, indem er zunächst die innere Welt von ADHS beleuchtet – jenseits der bekannten Klischees. Anschließend wird analysiert, wie gesellschaftlicher Druck und die digitale Welt als Verstärker für die spezifischen Herausforderungen von ADHS wirken. Schließlich wird der daraus resultierende Teufelskreis aus Stress, Komorbiditäten und Suchtverhalten aufgezeigt, um im Fazit zu argumentieren, dass die Schwierigkeiten von ADHS weniger in einem individuellen Makel als in einer strukturellen Inkompatibilität („Mismatch“) zwischen neurobiologischer Veranlagung und gesellschaftlicher Norm liegen. Um diese Interaktion vollständig zu verstehen, ist es unerlässlich, zunächst die Kernmerkmale der ADHS-Erfahrung zu durchdringen.
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2.0 Die innere Welt von ADHS: Jenseits des Hyperaktivitäts-Klischees
Um die Beziehung zwischen ADHS und der modernen Welt zu verstehen, muss man die internen Mechanismen der ADHS-Erfahrung anerkennen. Die oft zitierten externen Symptome wie Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität sind lediglich die Spitze des Eisbergs. Die eigentlichen Herausforderungen, die den Alltag prägen, liegen tiefer – in der emotionalen und sensorischen Verarbeitung, die das Fundament der neurodivergenten Erfahrung bilden. Diese innere Welt lässt sich anhand von drei zentralen Säulen beschreiben.
Emotionale Dysregulation Das ADHS-Gehirn erlebt Emotionen, wie der Psychiater Dr. James Kustow es formuliert, „heißer“ und sie „bewegen sich mehr“. Dies führt zu einer intensiveren und oft unvorhersehbaren emotionalen Landschaft. Diese Dysregulation manifestiert sich in zwei Extremen: Einerseits können explosive Ausbrüche auftreten, bei denen die Emotionen überwältigend und unkontrollierbar scheinen. Andererseits, wie Dr. Mark Rackley beschreibt, kann es zu einem internalisierten „Herunterfahren“ oder Dissoziieren kommen. In diesem Zustand zieht sich die Person zurück und schottet sich emotional ab, um sich vor der Intensität der eigenen Gefühle zu schützen.
Rejection Sensitive Dysphoria (RSD) RSD ist eine extreme emotionale Empfindlichkeit gegenüber wahrgenommener oder tatsächlicher Zurückweisung, Kritik oder dem Gefühl des Versagens. Diese tief sitzende Angst vor Ablehnung führt zu drei primären, oft unbewussten Verhaltensmustern: People-Pleasing und Perfektionismus (Kate Moryoussef) sowie Vermeidung (Dr. James Kustow). Betroffene versuchen, es allen recht zu machen, streben nach makelloser Leistung, um Kritik unmöglich zu machen, oder meiden Situationen, in denen ein Scheitern möglich wäre. Entscheidend ist, so Dr. Samantha Hiew, dass die emotionale Reaktion oft in keinem Verhältnis zur aktuellen Situation steht. Sie wird vielmehr durch vergangene, oft unbewusste Traumata der wiederholten Zurückweisung getriggert, was die Reaktion so überwältigend macht.
Das dopaminsuchende Gehirn Die Erkenntnisse von Neurowissenschaftler Dr. Andrew Huberman und Psychiater Dr. Ned Hallowell zeigen, dass ein niedrigerer Dopaminspiegel eine zentrale Rolle spielt. Dieser Mangel führt zu einer ständigen, unbewussten Suche nach Stimulation. Dies erklärt, warum Menschen mit ADHS in einen Zustand des Hyperfokus geraten können, wenn sie sich mit etwas beschäftigen, das sie intrinsisch interessiert, während sie bei als langweilig empfundenen Aufgaben eine fast schmerzhafte Unterstimulation erleben. Diese Dopaminsuche treibt auch die Impulsivität an – die Bevorzugung sofortiger, wenn auch kleinerer Belohnungen. Dr. Kustow beschreibt den daraus resultierenden „Boom-and-Bust“-Zyklus bei Hobbys und Projekten: eine anfängliche, intensive Begeisterung, die ebenso schnell wieder verfliegt, sobald die Neuheit nachlässt und der Dopaminschub ausbleibt.
Diese drei Säulen – emotionale Intensität, Angst vor Ablehnung und ein Gehirn auf ständiger Stimulationssuche – kollidieren zwangsläufig mit einer modernen Gesellschaft, die zunehmend auf Konformität, Vorhersehbarkeit und Selbstoptimierung ausgelegt ist.
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3.0 Der moderne Schmelztiegel: Gesellschaftlicher Druck und die Notwendigkeit des Masking
Die Diskrepanz zwischen der neurologischen Veranlagung von Menschen mit ADHS und den Erwartungen der modernen Gesellschaft wirkt wie ein Katalysator für chronischen Stress. Insbesondere für Frauen wird dieser Konflikt zu einer prägenden Lebenserfahrung, da die an sie gestellten sozialen Normen oft im direkten Widerspruch zu ihrer inneren Welt stehen. Dies führt zu tiefgreifenden und kräftezehrenden Anpassungsstrategien.
Die zentrale Überlebensstrategie in diesem Spannungsfeld ist das sogenannte „Masking“ – eine Form emotionaler Arbeit, die zur Aufrechterhaltung der sozialen Konformität geleistet wird. Wie die Expertinnen Martha Barnard-Rae und Dana Dzamic beschreiben, verbergen Betroffene, insbesondere Frauen, ihre Symptome und passen ihr Verhalten an, um den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Dez Rock fasst diese Erwartungen prägnant zusammen: Frauen wird von der Gesellschaft vermittelt, sie müssten „gut, gemocht, gewollt“ sein. Dieses ständige Bemühen, eine „normale“ Fassade aufrechtzuerhalten, hat jedoch immense persönliche Kosten.
Kostenfaktor | Beschreibung und Auswirkungen |
Chronische Erschöpfung | Der ununterbrochene kognitive und emotionale Aufwand, anders zu sein, als man ist, führt zu einem tiefen Erschöpfungszustand. Dana Dzamic beschreibt, dass dieser Zustand oft fälschlicherweise mit dem chronischen Müdigkeitssyndrom verwechselt wird, da die Betroffenen ständig gegen ihre eigene Natur ankämpfen. |
Verlust der Identität | Jahrelanges Vortäuschen und Anpassen führt dazu, dass Betroffene den Kontakt zu ihrem wahren Selbst verlieren. Wie Kate Moryoussef und Christine McGuinness berichten, wissen sie oft nicht mehr, wer sie wirklich sind, was sie mögen oder was sie wollen, weil ihre Identität unter Schichten von Masken begraben ist. |
Niedriges Selbstwertgefühl | Kate Moryoussef zitiert die Statistik, dass Kinder mit ADHS bis zu „20.000 zusätzliche negative Kommentare“ in ihrer Kindheit hören. Diese ständige Korrektur und Kritik internalisiert sich zu einem tief sitzenden Gefühl, „nicht genug“ zu sein. Dies mündet oft in einem Impostor-Syndrom und chronischen Selbstzweifeln. |
Fehldiagnosen | Da Frauen ihre Symptome oft internalisieren, statt sie nach außen zu tragen, werden ihre zugrunde liegenden ADHS-Probleme häufig übersehen. Wie das Video von „How to ADHD“ hervorhebt, führt dies dazu, dass sie fälschlicherweise mit Depressionen oder Angststörungen diagnostiziert werden, während die eigentliche Ursache – ADHS – unentdeckt und unbehandelt bleibt. |
Die digitalen Strukturen der modernen Welt dienen dabei als Verstärker, der die sozialen Drücke und die Notwendigkeit des Masking weiter intensiviert und eine neue Ebene der Komplexität in die neurodivergente Erfahrung einbringt.
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4.0 Das digitale Zeitalter: Ein Verstärker für ADHS-Herausforderungen
Das digitale Zeitalter stellt für das ADHS-Gehirn eine ambivalente Realität dar. Einerseits bietet die moderne Welt eine schier unendliche Fülle an Stimulation, die das dopaminsuchende Gehirn naturgemäß anzieht. Andererseits schafft genau diese Fülle eine Umgebung, die zur kognitiven und emotionalen Überlastung prädestiniert ist. Bestimmte Aspekte des modernen Lebens wirken wie ein Brandbeschleuniger für die Kernherausforderungen von ADHS.
Informationsüberflutung und kognitive Last: Die ständige Verfügbarkeit von Informationen durch soziale Medien, Nachrichten-Apps und das Internet im Allgemeinen überfordert das ADHS-Gehirn. Serena Palmer beschreibt es als ein Gehirn, das „ständig nach Antworten auf Millionen von Fragen sucht“. Diese unaufhörliche Flut an Reizen und Daten führt zu einer kognitiven Dauerbelastung. Zudem zeigen Erkenntnisse von Dr. Huberman, nach denen bereits eine Smartphone-Nutzung von über 60 Minuten täglich bei Jugendlichen – und schätzungsweise über 120 Minuten bei Erwachsenen – die Aufmerksamkeitsleistung signifikant beeinträchtigen kann, was die bereits vorhandene Dysregulation weiter verschärft.
Die Struktur moderner Arbeit: Die Struktur moderner Wissensarbeit, die auf autonomem Zeitmanagement und der Bewältigung abstrakter administrativer Prozesse beruht, stellt eine strukturelle Barriere dar. Sie privilegiert einen neurotypischen Modus der exekutiven Funktion und bestraft systematisch die nicht-lineare, reizgesteuerte Arbeitsweise des ADHS-Gehirns. Wie in der Dokumentation „The Truth About Women's ADHD“ analysiert wird, erfordern Tätigkeiten wie administrative Aufgaben, langes Stillsitzen in Meetings und ein hohes Maß an Selbstorganisation Fähigkeiten, die für Menschen mit ADHS eine enorme Herausforderung darstellen.
Soziale Medien und der Vergleichsdruck: Plattformen wie Instagram und TikTok schaffen eine toxische Dynamik des sozialen Vergleichs. Die kuratierte und oft unrealistische Perfektion, die dort zur Schau gestellt wird, verstärkt das Gefühl des eigenen Versagens. Dez Rock fasst den inneren Monolog vieler Betroffener zusammen: „Sie hat ihr Leben im Griff, warum ich nicht?“. Dieser ständige Vergleich mit einem idealisierten Bild führt zu einem permanenten Gefühl der Unzulänglichkeit und verstärkt das ohnehin schon fragile Selbstwertgefühl.
Diese permanente Reibung zwischen neurobiologischer Veranlagung und den Anforderungen der modernen Umwelt mündet zwangsläufig in einen Teufelskreis aus chronischem Stress, der wiederum zu Burnout und weitreichenden gesundheitlichen Folgen führt.
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5.0 Der Teufelskreis: Von chronischem Stress zu Komorbidität und Sucht
Die chronische Überforderung, die aus der ständigen Auseinandersetzung mit einer unpassenden Umwelt resultiert, bleibt nicht ohne tiefgreifende gesundheitliche Folgen. Viele sogenannte Komorbiditäten sind keine isolierten Phänomene, sondern das Endresultat einer Kaskade, die bei sozialem Druck beginnt, sich über chronischen Stress verfestigt und schließlich in messbaren physischen und psychischen Erkrankungen mündet.
Der Weg von der unbehandelten ADHS zur Entwicklung von Begleiterkrankungen lässt sich als ein pathophysiologischer Kaskadeneffekt beschreiben:
Chronischer Stress als Basis: Wie Dr. Asad Raffi ausführt, gleicht das Leben mit ADHS in der modernen Welt einem Zustand permanenten Stresses. Das Nervensystem befindet sich in einem ständigen „Kampf-oder-Flucht“-Modus, da das Gehirn kontinuierlich versucht, sich an eine überfordernde Umgebung anzupassen.
Physische Konsequenzen: Dieser Dauerstress hat messbare körperliche Auswirkungen. Dr. Raffi und Coach Kate Moryoussef listen eine Reihe von Folgeerkrankungen auf, die mit diesem Zustand in Verbindung gebracht werden, darunter chronische Entzündungen, Magen-Darm-Probleme, Fibromyalgie und Migräne. Der Körper reagiert auf die psychische Belastung mit physischen Symptomen.
Psychische Folgen (Burnout & Angst): Burnout ist das logische Ergebnis einer langanhaltenden Überforderung. Psychologisch definiert als der Punkt, an dem die Bewältigungsstrategien einer Person versagen, markiert es den Zusammenbruch unter der Last. Angststörungen und Depressionen sind oft keine eigenständigen Diagnosen, sondern eine direkte Folge des unaufhörlichen Kampfes, der Selbstkritik und des tief sitzenden Gefühls, den Anforderungen nicht gerecht zu werden.
Selbstmedikation und Sucht: Undiagnostiziertes ADHS schafft einen Nährboden für Suchtverhalten. Dr. Raffi beschreibt es als einen „perfekten Cocktail“ aus Impulsivität (Offenheit für neue Erfahrungen), People-Pleasing (die Unfähigkeit, Nein zu sagen) und Kompulsivität (der Versuch, „Überwältigung, Schmerz und emotionalen Aufruhr zu lindern“). Substanzen und Verhaltensweisen – von Alkohol bis hin zu modernen Formen wie Vapes oder Snus bei der Gen Z – werden genutzt, um das Dopamindefizit auszugleichen. Selbst Verhaltensweisen wie People-Pleasing können, so Dr. Raffi, zu einer Verhaltenssucht werden.
Die Kette aus Stress, Erschöpfung und Krankheit ist somit kein Zufall, sondern das Resultat einer fundamentalen Inkompatibilität zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Diese Erkenntnis führt direkt zur zentralen These dieses Berichts.
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6.0 Fazit: Eine Frage des "Mismatch", nicht des Makels
Die Analyse der Interaktion zwischen ADHS und dem modernen Lebensstil führt zu einer klaren Schlussfolgerung: Die Herausforderungen, mit denen sich Menschen mit ADHS konfrontiert sehen, sind weniger das Ergebnis eines inhärenten Defekts als vielmehr die Folge einer tiefgreifenden strukturellen Inkompatibilität – eines „Mismatch“ – zwischen ihrer neurobiologischen Veranlagung und den Strukturen der heutigen Welt. Der moderne Lebensstil verursacht ADHS nicht, aber er schafft ein Umfeld, in dem eine neurodivergente Veranlagung oft zu einem erheblichen Nachteil wird.
Die „Jäger in einer Bauernwelt“-Hypothese, die in der Dokumentation „The Truth About Women's ADHD“ vorgestellt wird, dient als treffende Metapher für dieses Phänomen. Eigenschaften, die in einem evolutionär früheren Kontext wie dem des Jägers und Sammlers vorteilhaft waren – etwa eine erhöhte Wachsamkeit (Hypervigilanz), die Fähigkeit zur schnellen Reaktion auf neue Reize und die Bereitschaft zur Bewegung – werden in einer „Bauernwelt“, die auf Routine, langfristige Planung, Konformität und Stillsitzen ausgelegt ist, zur Dysfunktion pathologisiert. Der „Jäger“ erscheint in dieser Welt als unaufmerksam, impulsiv und hyperaktiv.
Daraus ergibt sich die wichtigste Konsequenz: Die Lösung kann nicht ausschließlich in der individuellen „Reparatur“ von Menschen mit ADHS durch Therapie oder Medikation liegen. Vielmehr bedarf es eines Paradigmenwechsels hin zu einem größeren gesellschaftlichen Bewusstsein und der aktiven Anpassung von Umgebungen. Arbeitsplätze, Schulen und soziale Normen müssen so gestaltet werden, dass sie Neurodiversität nicht nur tolerieren, sondern aktiv akkommodieren und wertschätzen.
Ein solches Umfeld würde es ermöglichen, die oft übersehenen Stärken von ADHS freizusetzen. Die Fähigkeit zur kreativen Problemlösung, die Innovationskraft, die aus einer nicht-linearen Denkweise entsteht, und eine bemerkenswerte Krisenfestigkeit sind Potenziale, die in der richtigen Umgebung gedeihen können. Anstatt ADHS als Störung zu betrachten, die es zu korrigieren gilt, sollten wir es als eine wertvolle Form der menschlichen Vielfalt anerkennen. Die Aufgabe des 21. Jahrhunderts besteht darin, eine Welt zu schaffen, in der sowohl der „Jäger“ als auch der „Bauer“ ihren Platz finden und ihre einzigartigen Fähigkeiten zum Wohle aller einsetzen können.



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