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Dein Bauchgefuehl im Job liegt selten falsch

31. Aug.
4 Min. Lesezeit

Viele meiner Klientinnen erzählen mir von Momenten, die sie nicht einordnen können: ein schwerer Sonntagabend ohne erkennbaren Grund, eine unerklärliche Erschöpfung nach einem eigentlich ruhigen Tag. Dieser Artikel erklärt, warum dein Bauchgefuehl im Job dabei oft genauer ist als jede rationale Analyse – und warum es sich lohnt, ihm mehr zu vertrauen, statt es weg zu erklären. Er richtet sich an alle, die spüren, dass etwas nicht stimmt, es aber noch nicht in Worte fassen können.


Sonntagabend, 20 Uhr. Die Arbeitswoche hat noch gar nicht begonnen – und trotzdem liegt sie schon schwer im Magen. Ein anderes Mal: ein ruhiger Tag, nichts Dramatisches passiert, ein Termin verschiebt sich, ein Kollege ist krank. Trotzdem bist du abends leer, als läge ein Marathon hinter dir. Beides wird meistens als Wetterlaune der Psyche abgetan. Dabei sind es Daten.

Ruhige Einrichtung mit der eigentlich alles ok ist

Diese Beobachtung hat einen Namen in der Forschung. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio nennt solche Empfindungen somatische Marker – körperliche Signale, die eine Bewertung treffen, lange bevor der Kopf sie in Worte fasst: ein Ziehen im Magen vor bestimmten Meetings, eine Leere nach vermeintlichen Erfolgen, eine Unruhe bei bestimmten Aufgaben. Diese Signale übertreiben nicht. Sie melden früh, was später ohnehin ans Licht kommt: ob ein Job wirklich zu dir passt – oder nur zu dem Bild, das du von dir erfüllen wolltest.


Damasios Forschung entstand nicht in der Karriereberatung, sondern in der Neurologie. Er beobachtete Patienten, bei denen eine Hirnverletzung genau die Verbindung zwischen Körperempfinden und Entscheidung gekappt hatte. Rational konnten sie weiterhin jede Option sauber durchargumentieren – Vor- und Nachteile abwägen wie zuvor. Trotzdem trafen sie auffällig schlechte Entscheidungen, gerade in Situationen mit echtem Risiko. Das Bauchgefuehl war kein störender Rest aus einer weniger zivilisierten Zeit. Es war ein Teil des Denkens, den reine Logik nicht ersetzen konnte.


In einem seiner bekanntesten Experimente, dem sogenannten Iowa Gambling Task, ließ Damasio Versuchspersonen aus vier Kartenstapeln ziehen – zwei mit hohen kurzfristigen Gewinnen, aber verdeckten langfristigen Verlusten, zwei mit kleineren, aber stabileren Gewinnen. Gesunde Probanden entwickelten schon nach wenigen Dutzend Zügen eine messbare Stressreaktion, sobald sich ihre Hand den schlechten Stapeln näherte – lange bevor sie bewusst erklären konnten, warum. Patienten mit der beschriebenen Hirnverletzung entwickelten diese Reaktion nie. Sie griffen weiter zu den verlockenden, aber ruinösen Stapeln, obwohl sie rational genau wussten, dass sie verlieren würden. Wissen allein reichte nicht. Es fehlte das Signal, das Wissen in Verhalten übersetzt.


Das eigentliche Problem ist nicht, dass diese Signale da sind. Das Problem ist die Übersetzung, die die meisten von uns automatisch vornehmen: „Ich sollte belastbarer sein." Dabei würde die ehrlichere Übersetzung lauten: „Hier stimmt etwas nicht – und zwar nicht mit mir." Die erste Version führt zu noch mehr Selbstoptimierung. Die zweite zu einer Frage, die tatsächlich weiterführt.


Gerade Frauen, die viel leisten und sich früh daran gewöhnt haben, Widerstände zu überwinden, lernen genau dieses Signal besonders gründlich zu überstimmen. Wer gut darin ist, sich durchzubeißen, verwechselt irgendwann Durchhaltevermögen mit Richtigkeit. Das eine sagt etwas darüber aus, wie lange du eine Situation aushalten kannst. Das andere sagt nichts darüber aus, ob du sie aushalten solltest.


Bei Frauen, die beruflich neu denken wollen, zeigt sich das oft in einer besonderen Variante: Der Job erfüllt auf dem Papier fast alles – das Gehalt stimmt, der Titel klingt gut, die Kolleginnen sind nett. Und trotzdem meldet sich immer wieder dasselbe Ziehen, an denselben Stellen, bei denselben Aufgaben. Der Kopf sagt: Sei doch dankbar, es könnte schlechter sein. Der Körper sagt etwas anderes, nämlich seit Monaten dasselbe. Diese Lücke zwischen dem, was auf dem Papier stimmt, und dem, was sich im Bauch nicht stimmig anfühlt, ist meistens kein Zeichen von Undankbarkeit. Es ist ein Hinweis darauf, dass die eigenen Werte und die tägliche Realität des Jobs nicht deckungsgleich sind – auch wenn beide auf den ersten Blick zusammenpassen.


Das muss nicht sofort in eine Kündigung münden, in ein lautes Gespräch mit dem Vorgesetzten oder in einen fertigen Plan. Es reicht, anzufangen, diese Momente überhaupt zu bemerken – vielleicht sie sogar aufzuschreiben, wann genau sie auftreten. Nicht um sofort zu handeln, sondern um ein Muster sichtbar zu machen, das sich sonst hinter einzelnen „schlechten Tagen" versteckt. Drei Wochen, in denen du notierst, wann genau der Magen sich zusammenzieht, verraten oft mehr über deinen Job als ein einzelnes großes Gespräch mit dir selbst.


Nach einigen Wochen lässt sich aus diesen Notizen oft mehr herauslesen, als eine einzelne Beobachtung je könnte: Vielleicht ist es nicht der Job insgesamt, der sich falsch anfühlt, sondern eine bestimmte Art von Meeting, ein bestimmter Umgangston, eine bestimmte Erwartung, die immer wieder an dich gestellt wird. Diese Präzision verändert die Frage. Aus einem diffusen „Irgendetwas stimmt nicht" wird ein konkretes „Genau das hier stimmt nicht" – und Letzteres lässt sich tatsächlich bearbeiten, während Ersteres nur erschöpft.


Ein häufiger Einwand, den ich in Erstgesprächen höre, lautet: Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Genau das ist der Punkt: Ein Signal, das sich nicht sofort in Zahlen oder Argumenten belegen lässt, wird schnell als Einbildung abgetan – nicht weil es unzuverlässiger wäre als ein Argument, sondern weil es sich schwerer verteidigen lässt, wenn jemand nachfragt: Warum denn genau? Ein Gefühl braucht keine Rechtfertigung, um echt zu sein. Es braucht nur jemanden, der es lange genug ernst nimmt, um herauszufinden, worauf es eigentlich hinweist.

Frau am Telefon

Du musst diese Signale nicht sofort deuten können. Es reicht, wenn du sie sammelst, statt sie weg zu erklären. Am Ende geht es nicht darum, jedem Impuls blind zu folgen. Es geht darum, eine Quelle wieder ernst zu nehmen, die die meisten von uns über Jahre trainiert haben zu ignorieren – weil sie sich nicht in einer Exceltabelle rechtfertigen lässt und trotzdem selten falsch liegt. Ein Alltag, der sich falsch anfühlt, lügt selten – er spricht nur eine andere Sprache als dein Kopf.


Wenn du gerade merkst, dass dein Bauchgefühl im Job dir schon länger etwas sagen will, gibt es zwei Wege, wie du hier weitermachen kannst.


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Heide Dudda sitzend und zuhörend

 
 
 

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